Neudeutsch

So ganz kommt keiner drum rum, am Neudeutsch. Nicht immer reicht angestammte Begrifflichkeit aus, um modernen Sachverhalten gerecht zu werden. Kritiker gibts und Befürworter; Benutzer und Ablehner; so'ne und solche. Ich hab auch eine Meinung dazu.


Deutsche Sprache

Vor ein paar Jahren entwarfen wir für unseren damaligen Arbeitgeber einen Prospekt zu einem Softwareprodukt. Der Text fand soweit guten Zuspruch. Die Sprache war kraftvoll, kurz und prägnant. Aber wir fanden für das Neudeutsch Feature kein Synonym in normaler Ausdrucksweise. Das störte uns alle sehr.

Das Neudeutsch

Die deutsche Sprache ist kein Felsen, sondern ein Fluss. Die ständigen sozialen und technologischen Neuerungen bedingen eine Erweiterung der Begriffswelt. Die neuen Vokabeln entlehnen wir aus dem Kulturbereich, der auch die Sachliche Neuerung brachte. Der Vorgang ist nichts neues. Beispielsweise ist das Mutterland der EDV Amerika ('tschuldigung, die Herren Zuse und Babbage – wir sprechen von aktuellen Trends der letzten drei Jahrzehnte.) Und deshalb ist die Muttersprache des Bit das Amerikanische Englisch.

Ich habe keine Einwände, wenn die Franzosen die amerikanischen Vokabeln nationalisieren und z. B. das Byte hinfort octet nennen. Im Deutschen sehe ich keine derartigen Bestrebungen, und es wäre auch etwas peinlich angesichts der durch die Nazis gebrochenen deutschen Wissenschaftstradition.

Dennoch werden Sie bei Lektüre meines Artikels über den Bau eines Lisp-Interpreters feststellen, dass ich danach strebe, konsequent Deutsch zu sprechen. Ich bin der Meinung, das geht, und zwar ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten, wie z. B. bei der Übersetzung „Steuerung“ für „Control“ (Tastenbeschriftung „Strg“ auf MF2-Tastaturen, die noch nicht mal in der Sache korrekt ist).

Ich habe keine Probleme mit dem Neudeutsch an sich, ich sehe dort sogar neue Ufer im Sprachstil. Ein Problem habe ich mit zwei Phänomenen:

Leichtfertigkeit

Es gibt einen Haufen Beispiele dafür, dass ein Neudeutsch gar nicht nötig ist. Es hat mir schon immer wehgetan, wenn ein Schuhhaus seine „Boots“ angepriesen hat. Zum Kuckuck, gibts denn keine Stiefel mehr zu kaufen, oder von mir aus Stiefeletten?

Zwangsübersetzungen

Frage 1: Wie heißt das DOS-Fenster in der deutschen Fassung von Windows? Antwort: Eingabeaufforderung.

Frage 2: Wer versteht das? Antwort: Kein Mensch.

Warum nannten sie es nicht schlicht Kommandozeile? Aus diesem Grund: In dem ehrenwerten Bestreben, dem Benutzer Fachchinesisch zu ersparen, ordnete Herr Gates an, dass alle seine Software-Produkte nationalisiert werden sollten. Diese Order durchlief wohl den Instanzenweg.

Der Übersetzer war zweifellos kompetent für Sprachen. Aber nicht für die EDV. Auch dort gibts sprachliche Nuancen. Hätte man ihm einen Computerfreak zur Seite gesetzt, hätte er diese Nuancen erwerben können. Dass der Übersetzungsvorgang davon teurer wird, ist (pardon) scheißegal. Aber dann wäre die Order sinnvoll umgesetzt worden statt wörtlich, und die Windows-Welt wäre verständlich statt fachwelsch.

(authentische Fehlermeldung von Winword:) Die Anweisung in 0x77c4a220 verweist auf Speicher in 0x00000000. Der Vorgang read konnten nicht auf dem Speicher durchgeführt werden. Klicken Sie auf OK, um die Anwendung zu beenden.

Wo es nicht besser geht

Es gibt viele Worte, die nicht einzudeutschen sind. Beispiele:

Der Begriff HTML ist eine generische amerikanische Abkürzung für HyperText Markup Language (Hypertext-Auszeichnungssprache). Hypertext ist ein Kunstwort, dessen sinnvolle deutsche Übersetzung Mehr-als-nur-Text lauten müsste – lassen wirs lieber und benutzen guten Gewissens das Originalwort aus dem Amerikanischen.

Wege ans Licht

Aber was ist mit dem Begriff Link? Wörtlich übersetzt müsste es Verbindung heißen – nö, zu abstrakt. Etwas besser wäre der Begriff Verknüpfung, der den technischen Vorgängen beim Mausklick nahekommt. – Was ist eigentlich das Vorbild des Hyperlinks in der Papierwelt? Ganz klar: der Verweis auf eine andere Quelle. Und damit haben wir zwanglos die angemessene deutsche Entsprechung gefunden.

Na, wie haben wir das geschafft? Durch Verzicht auf Übersetzung! Denn die ganze Zeit saß es da am Katzentisch, das tapfere kleine Wort, und hat sich nicht gemeldet.

Suchet, so werdet ihr finden!

PS

in der c't 12/99 hab ich diese Übersetzung für Microsoft gelesen: Winzigweich. Das geht in Ordnung, gell?


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(Ursprung – 04.01.2007)

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