Charles Stross' Thesen zur Politik

Charles Stross hat einen Satz Thesen zur gegenwärtigen Politik festgehalten, die ich frei wiedergebe und unten kommentiere:


  1. Offensichtlich nimmt das Kapital durch Übernahme der wachsenden Automatisierung Überhand gegenüber der menschlichen Arbeit. Die Profite kommen dem Kapital überproportional zugute, dem menschlichen Arbeitskraft unterproportional.
  2. Ein Nebeneffekt davon ist der Aufstieg der Finanzwirtschaft. Das Kapital fließt in Profit-Center bzw. falls das nicht geht, in imaginäre Finanzkonstrukte wie Zukunftsoptionen, Derivate, Studentenkredite, die sich übrigens versilbern lassen. (Dabei werden die Einlagen von A zur Gewinnausschüttung von B missbraucht. Ein Schneeballsystem.)
  3. Seit dem Niedergang der UdSSR und dem Aufstieg Chinas kristallisiert sich heraus, dass der Kapitalismus zum Funktionieren keine Demokratie braucht oder auch nur davon profitiert. Kapitalismus funktioniert am besten ohne Demokratie.
  4. Ein ehernes Gesetz der Bürokratie besagt, dass bei allen Organisationen die meiste Energie darauf verwendet wird, ihren Bestand zu sichern, und nicht etwa, ihre Aufgabe zu erfüllen. (Ergibt sich zwanglos aus dem Selbsterhaltungstrieb ihrer Angestellten.)
  5. Regierungen sind Organisationen (4).
  6. Wir beobachten eine permanente Militarisierung der Polizeikräfte und überbordende Privilegierung der Geheimdienste weltweit; in Funk, Fernsehen und Presse rumort es permanent von einer Bedrohung durch „Terroristen“ – auf deren Kosten weniger als 0,1% Todesopfer gehen, verglichen mit den Verkehrstoten. (Die instrumentalisierte Terror-Angst: Kriegsrecht bricht Bürgerrecht). (Siehe auch Friedrichs Kopfgeburt „Supergrundrecht“ Sicherheit)
  7. Regierungsmitglieder können mit Geld gekauft werden.
  8. Das Internet verkürzt Lieferketten.
  9. Politische Legitimität ist in der Demokratie nur begrenzt verfügbar. Darum wird sparsam damit ungegangen.
  10. Der Zweck von Demokratie ist ein formales System zur Anwendung von Macht ohne Gewaltanwendung, falls das die aktuelle Regierungsbande ihre Legitimierung verliert.
  11. Unsere demokratischen Mechanismen (vulgo Wahlen) drehen die Uhr zurück ins 18. Jahrhundert. Ihre Reaktionen auf geänderte Verhältnisse sind langsamer als Internet und zeitgenössische Nachrichtenmedien.
  12. Ein Nebeneffekt von (7) ist der schlichte Kauf (2) von Dienstleistung seitens der Regierung.
  13. Sicherheitsbehörden gehorchen dem ehernen Gesetz der Bürokratie, überwuchern und verweisen zur Rechtfertigung auf den Terrorismus (6).
  14. Das Wuchern der Sicherheitsbehörden wird als erwünscht betrachtet, aber nicht wegen terroristischer Bedrohung (weil weitgehend konstruiert), sondern wegen (11): die Legitimität der Regierung (9) ist zunehmend schwierig zu begründen im Zusammenhang mit (2). Käuflichkeit (12) ist der Wählerschaft schwierig zu vermitteln. (3) bedeutet, dass die Interessen der Bevölkerung (der Arbeit) von kapitalbeherrschten Staaten (1) zunehmend vernachlässigt werden, solange keine Unruhen drohen. Daher rüsten Staaten im großen Maßstab gegen potentielle Unruhen auf.
  15. Der Ausdruck „failed state“ (gescheiterter Staat) enthält die implizite Frage: gescheitert inwiefern genau? Die unausgesprochene Implikation lautet „gescheitert an den Anforderungen des Kapitals“ (nicht etwa Demokratie, siehe 3) durch Scheitern an angemessener Begünstigung.
  16. Ich lege Wert auf die Feststellung, dass gescheitert der Staat ist, der nicht den Interessen seiner Bürger dient (soweit deren Interessen nicht in Konflikt mit anderen Staaten stehen).
  17. Zukünftig kann Druck zwischen Staaten ausgeübt werden, die den Kriterien von (15) scheitern, nicht etwa von (16). Siehe auch Griechenland.
  18. Als menschliche Wesen ist unsere Rolle dabei die der Arbeitenden (soweit wir nicht unermesslich reich und infolgedessen selten sind).
  19. Aus (17) und (18) folgt, dass wir der schwächere Teil eines Kampfes um die Kontrolle über unsere Gesellschaft sind.

Fröhliches Jahrhundert allerseits!


Mein Kommentar, endlich mal einer, der das Offensichtliche sinnvoll zusammenfasst. Insofern großartige Auflistung.

Einzige Einschränkung zu (1), Kapitalismus ist laut Marx definiert durch den Wirtschaftskreislauf G ⇨ W ⇨ G' – oder kurz, kreditgetriebene Warenproduktion. Ist heute überwiegend nicht mehr der Fall, da die Märkte nicht mehr prosperieren (also sind gesättigt, Warenproduktion kaum noch profitabel). Darum dominiert nicht mehr der Produzent (zuständig für Warenproduktion W), sondern der Bänker (2, zuständig für Kreditvergabe G und Gewinnabschöpfung G').

Wir müssen dabei immer fragen, woher der Gewinn kommt, und die Antwort bleibt immer die gleiche: Anleihen auf die Zukunft – ohne Absicherung, ob die Zukunft die Anleihen bedienen kann. (Für die Amis unter uns: Ponzi.) Es handelt sich also nicht um einen Kapitalismus, sondern um schlichte Beschisswirtschaft. Bis Zahltag ist.

Daraus folgt die Frage nicht: ob, sondern: wann die Gesellschaft zusammenbricht. (Und nicht zu vergessen: wie sich das Schauspiel gestaltet.)

Uns stehen interessante Zeiten bevor.

(Kommentarfunktion aus.)

(Ursprung – Donnerstag, den 26. Februar 2015, 16:13:25 Uhr)

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