Alice Schwarzer vs. Esther Vilar

Zufällig bin ich auf die durchaus unterhaltsame WDR-Sendung von 1975 „Alice contra Esther“ gestoßen.

Wie bereits angedeutet ist mir der gegenwärtige orthodoxe Feminismus suspekt. Das hat nichts mit der unangenehmen Aggressivität Schwarzers zu tun (insbesondere auch nicht hier im Streitgespräch, z. B. ab 7:42; denn auch der Charakterschwache könnte in der Streitsache theoretisch durchaus im Recht sein). Sondern, was mich mehr interessiert, inwiefern reden Alice und Esther aneinander vorbei?

Zunächst die Gemeinsamkeiten: Esther und Alice argumentieren nicht für eigenes Interesse, sondern für eine Klientel. Bei Esther klar – sie ist eine Frau – aber bei Alice ist es bemerkenswert: im Unterschied z. B. zu den Suffragetten, die ein Wahlrecht durchaus für sich selbst einforderten, beansprucht sie ihre Stimme für die halbe Bevölkerung.

Betrachten wir die Argumente. Eingangs fragt Alice, ob Esthers Buch ernst oder satirisch sei; Esther antwortet sinngemäß (ab 1:35), es sei außer ernst auch feministisch: denn Alice's Feminismus folgt männlich geprägten Wert-Idealen, ihr eigener agiere jedoch unabhängig von jenen; insbesondere sei es Blödsinn, dass die Welt von Männern beherrscht sei. (Dass die Welt von Männern beherrscht sei, ist so bekloppt wie Nautik, von Matrosen beherrscht.)

Esther
Männer wissen von Frauen nur, was ihre Mütter ihnen beigebracht haben; Erziehungsberufe sind weiblich dominiert.
Alice
Aber die Rahmenrichtlinien stammen von Männern; die Lesebuch-Autoren und Redakteure sind Männer; sie stecken den Rahmen ab, innerhalb dessen die Frauen sich bewegen dürfen.
Esther
Das ist männliche Denke – die Illusion von Bestimmung; Frauen bestimmen die Arbeit lustvoll; Männer nehmen ihnen die Bürokratie ab.

...

Alice
Die Frauen leisten in BRD 47Mrd. Stunden Haushaltsarbeit, im Gegensatz zur Lohnarbeit unbezahlt.
Esther
Deren Arbeit ist mitnichten umsonst, sondern das Gehalt des Mannes kommt ihr ebenso zugute wie ihm; außerdem verwaltet sie das Geld in aller Regel. Der Mann trifft die großen, die Frau die kleinen Entscheidungen: der Mann bestimmt über Krieg gegen Dänemark. Die Frau bestimmt über das nächste Auto.
Alice
Die Frauen müssen dem Mann dienen, werden untergebuttert ...
Esther
... die Armen, ihre Durchschnittslebenserwartung ist drei Jahre höher als der Männer ...
Alice
... aber die Lebenserwartung der Frauen mit „Doppelbelastung“ (Teilmenge: neben Haushalt auch Beruf) ist fünf Jahre geringer ...
Esther
... weil Arbeit krank macht!

Und so weiter. Es ist ein permanenter Disput zwischen „sollte“ und „ist“, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Schwarzers Wunsch- und Vilars Ist-Feststellung.

Was lernt mich das? (Meine Meinung steht fest: die Schwarzer spinnt.) (Wusste ich aber schon vorher.) (Lassen Sie sich nur bloß von mir nicht beeinflussen.)

(Kommentarfunktion aus.)

(Ursprung – Mittwoch, den 29. April 2015, 00:00:00 Uhr)

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