Gender Studies wozu?

In früheren Beiträgen habe ich meine Zweifel am derzeitigen Feminismus geäußert. Augenscheinlich stehe ich mit meiner Skepsis nicht alleine. Denn in Zeit Online vom 10.7.15 verteidigt Marion Detjen die Gender Studies gegen deren zunehmende Ablehnung. Im Kommentarbereich des Artikels habe ich keine einzige Zustimmung vorgefunden. Freilich konnte ich nicht alle 772 Kommentare durchschauen.

Zum Hintergrund – im Interview mit RBB vergleicht Prof. Dr. Ulrich Kutschera den glaubensfesten Genderismus mit dem Kreationismus. Im Beitrag liefert er eine kurze Übesicht auf Sex aus Sicht des Evolutionsbiologen.

Zu Autorin – von einer promovierten Historikerin erwarte ich adäquates Verständnis von Wissenschaftlicher Methodik. Mehr später.


Im Artikel benennt Detjen diese Grundannahmen und Voraussetzungen (Satzbau von mir aufs Wesentliche eingekürzt, ohne den Sinn zu entstellen):

Erstens: Die Verhältnisse [...], also auch der Sex, sind sozial konstruiert, und das heißt [...] dass sie [...] erst durch sozialen Umgang für die geschlechtliche Identität [...] relevant werden.

Das hat das Zeug zur wissenschaftlichen Fragestellung, Frau Detjen. (Frage zum einen ob überhaupt; zum anderen – falls ja – in welchem Maß.) Aber niemals zur Grundannahme. Wenn das Ihr Eingangsargument ist, Frau Detjen, dann bitte ich um Quellen. Danke sehr.

Zweitens: Wenn die Verhältnisse [...] sozial gemacht sind, dann liegt es an uns, [...] ob und wie wir sie [...] verändern wollen. Es ergeben sich politische Fragen [...]

Der Tenor dieser Grundannahme liegt bei „Gesellschaft verändern“. Frau Detjen, das ist Gegenstand nicht der Wissenschaft, sondern der Politik. Im Widerspruch zum Wissenschaftsanspruch der Gender Studies, siehe oben.

Drittens: Wissenschaft funktioniert nach ihren eigenen Regeln. Und trotzdem nicht unabhängig von der Politik. Die Geschlechterforschung [...] verdankt ihre Existenz [...] politischen Entscheidungen und steht in politischen Kontexten [...]

Politischer Kontext: wir nähern uns aneinander an, aber aus verschiedenen Richtungen. Die politische Situation ändert sich: zivile Konsequenzen aus reine Wissenschaft requirierendem Genderismus – Frauenparkplätze ohne für Männer reservierte solche; an den Schulen Girls Day ohne Boys Day; Quotenregelungen entgegen Kompetenz-Erwägungen; am unteren Ende der Skala der Netzfeminismus. Es nervt zusehends. Ihnen gefällt es? Mir nicht. Das bedeutet Gegenwind.

Viertens: Die Sprache [...] ist ebenfalls [...] ein Ergebnis sozialer Prozesse. [...] leider wurde sie über Jahrtausende so ausgeprägt, dass sie männliche Perspektiven reproduziert [...] Die Vorschläge der feministischen Linguistik [...] wecken Sensibilität.

Stimmt: kein Naturprodukt, sondern sozial entwickelt über Jahrtausende. Dazu gehört, dass das generische Maskulinum keinen Bezug auf das biologische (in Ihrer Begriffswelt: soziale) Geschlecht ausdrückt, sondern Ergebnis eines linguistischen Wildwuchses ist.

Um das zu verdeutlichen: was macht den Löffel, die Gabel, das Messer männlich, weiblich, sächlich? – Ganz genau: gar nichts.

An der deutschen Sprache rumzuschrauben ist eine Untat. (Beispiel: Profx Lann Hornscheidt. Falls die Schmähschriften unverdient sind – das Gelächter ist unsterblich!) Das ist Sprachpolizei. Vergleichbar damit, Landstraßen mit Landminen abzusichern. Um mal emotional zu werden: die Sprache wird nicht verhunzt und basta!

Der Rest des Artikels ist (abgesehen von quasi-akademischer Wehmut) geprägt durch willkürliche Wahl der Belege; Detjen notiert zu den Naturwissenschaften:

in der Biologie scheint in den Fragen des Geschlechts wenig Einigkeit zu herrschen.

Der Artikel hinterm ersten Verweis thematisiert Hass-Kampagnen im Netz, also einen politischen Gegenstand, keinen wissenschaftlichen; der Artikel hinterm zweiten Verweis berichtet von Körperzellen zweier Individuen in einer Person – derartige Kuriosa bietet Natur gelegentlich, ohne die Zweigeschlechtlichkeit von uns Primaten in Frage zu stellen.

Schließlich fragt Detjen:

Warum sind die Kollegen [...] aus den Geistes- und Sozialwissenschaften [...] nicht solidarisch mit den Gender Studies? [...] Warum nur?

Zur Antwort schlage ich vor: Das Schauspiel ist ihnen peinlich.

(Ursprung – Dienstag, den 11. August 2015, 12:03:36 Uhr)

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