Lengsfeld gegen Presse

Ein CDU-Politiker forderte die Bild-Zeitung zu weniger positiver Darstellung unserer Politik der Flüchtlingsaufnahme mit der Begründung, es sei für die Politik „nicht hilfreich“.

Wenn es an die Wäsche geht, reagiert Bild-Digital-Chef Julian Reichelt erfreulich ungehalten. Ohne Rücksicht auf meine Haltung zu Axel Springer tippe ich seine Replik voller Freude vom JPG ab. Hier ist zu sehen, zu welchen Texten Springer-Redakteure fähig sind, wenn die Verlagsleitung keine anderen Direktiven ausgibt.

Lieber Herr Lengsfeld,

soeben lese ich Ihre Pressemitteilung, in der Sie uns auffordern, unsere Aktion „Refugees Welcome“ zu beenden. Das ist selbstverständlich ihr gutes Recht.

Inhaltlich entsetzt mich Ihre Forderung allerdings aus zahlreichen Gründen. Hier sind sie:

  1. Sie schreiben, wir seien für Ihr politisches Ziel „nicht hilfreich“. Welcome to the free world, Herr Lengsfeld. Es ist nicht unsere Aufgabe, einer seit Monaten auf breiter Front versagenden Politik „hilfreich“ zur Seite zu stehen.
  2. Sie schreiben, man könnte unsere Aktion als „Einladung zum Aufbruch nach Deutschland sehen“. Ich sage Ihnen gern ein bisschen was über Syrien, wo ich drei Jahre lang immer wieder als Reporter war: Die Menschen dort brauchen keine „Einladung“ auf unserem Twitter-Account. Dass Ihre Kinder täglich von Fassbomben zerrissen werden, ist ihnen Anreiz genug, das Land zu verlassen. Diese Menschen fliehen nicht, weil Journalisten wie wir die Realität zeigen. Sie fliehen, weil Politiker wie Sie die Realität viel zu lange ignoriert haben. Zeigen Sie mir gern Ihre Initiative aus den letzten fünf Jahren, etwas gegen den Krieg in Syrien zu unternehmen. Wenn Sie nichts vorzuweisen haben, wovon ich ausgehe, beschuldigen Sie uns nicht für das Totalversagen westlicher Politik, an dem auch Sie Ihren Anteil haben.
  3. Wie können Sie es wagen, ein Foto von einem Kind, das durch Stacheldraht kriecht „emotional aufgeladen“ zu nennen? Das Foto ist nicht „emotional aufgeladen“ und schon gar nicht wird es, wie Sie hier andeuten, instrumentalisiert. Gemessen an der Schande, die an Europas Grenzen und in Europas Außenpolitik stattfindet, ist dieses Foto noch geradezu schonend. Auch Sie gehören zu den Politikern, die seit Jahren völlig tatenlos Verbrechen gegen die Menschlichkeit zusehen. Die Fotos, an denen Sie sich da nun stören, würde es alle nicht geben, wenn die Politik ein Menschheitsverbrechen nicht jahrelang ignoriert höätte. Konzentrieren Sie Ihre Energie gern darauf, die Ursache für diese Fotos verschwinden zu lassen, nicht die Fotos selbst.
  4. Medienschelte ist immer ein Ausdruck größter Hilflosigkeit. Sie haben nchts, aber auch gar nichts vorzuweisen: Sie haben bis heute politisch nichts gegen die Ursache der Flüchtlingskatastrophe unternommen. Sie haben es bis heute nicht geschafft, diese Krise politisch zu ordnen. Es ist Ihnen ebenfalls nicht gelungen, den Menschen zu erklären, wie Sie diese Krise und den Zustrom vieler Menschen bewältigen wollen. Wenn ich Ihre Pressemitteilung richtig verstehe, waren Sie auf Demos, als es Ihnen opportun schin, und nun wollen Sie damit nichts mehr zu tun haben. DAS ist Ihre gesamte politische Bilanz.

Kümmern Sie sich um das, wofür Sie gewählt wurden, anstatt darüber zu schwadronieren, ob die Kinder auf den von uns gezeigten Fotos „tatsächlich schutzbedürftig“ sind. Als jemand, der die katastrophalen Effekte westlichen Politikversagens vor Ort erlebt hat, kann ich Ihnen versichern: Ja, sie sind schutzbedürftig. Und wenn Kinder in Ihren Klassenzimmern zerfetzt werden, davor flüchten und dann in unseren Stacheldraht laufen, dann muss man das auch gar nicht mehr „emotional aufaden“ – diese Schande unserer Zeit ist von ganz allein emotional genug.

Mit freundlichen Grüßen

Julian Reichelt
Chefredakteur
BILD Digital

PS. Den Morgen mit einem EKD-Frühstück zu begehen und dort bei knusprigen Brötchen über christliche Werte zu diskutieren und gleichzeitig die Medien aufzufordern, den christlichen Wert der Nächstenliebe nicht mehr allzu engagiert zu vertreten, scheint mir widersprüchlich oder besser: verlogen.

(Kommentarfunktion aus.)

(Ursprung – Donnerstag, den 18. Februar 2016, 11:19:51 Uhr)

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