Tagebuch

Nachdem ich mir zunehmend durch den Kopf gehen lasse, was falsch läuft mit der „linken“ Szene, bringe ich in loser Folge grundsätzliches zum Thema „klassisch Linke Ideen“. Heute zum Kapitalismus.

Wird zum Einen trocken und zum Anderen weit weg vom derzeitigen Finanzgeschehen. Aber muss. Mit den bloßen Fallgesetzen lässt sich die Dynamik der Spiralgalaxien nicht erklären, dennoch ist Kenntnis der Fallgesetze erforderlich. Nun zum Wert­schöp­fungs­pro­zess.

(Eigenzitat:)

Der Kapitalist setzt sein Kapital (= richtig viel Geld) ein, zahlt außer Produktionsmittel auch den Arbeitslohn (= reicht bis zum nächsten Arbeitstag) und besitzt nach Verkauf der produzierten Ware mehr als vorher (= richtig viel Geld plus Mehrwert).

Woher der Mehrwert kommt, erklärt Marx so: der Arbeiter veräußert als Verkaufsware die Kalorien seines Achtstundentages zum Preis von dessen Reproduktion; der Kapitalist verwendet die Arbeitskraft als Nutzware zur Produktion von seinerseits Verkaufsware.

Klingt reell. Schauen wir weiter.

Der Arbeiter verwendet seinen Arbeitslohn zum Kauf von Lebensmittel (Essen, Familie, Kino).

Betrachten wir seine gekauften Lebensmittel nicht anhand des Preises, sondern der darin enthaltenen Arbeitsstunden (denn sie stammen aus menschlicher Wertschöpfung), und – Überraschung – ihre vergegenständlichte Arbeitszeit beträgt nicht acht, sondern nur zwei Stunden. Die Zahlen Zwei und Sechs als Hausnummern zu verstehen.

Im Beispiel hat der Arbeiter nur zwei Stunden für sich selbst und sechs Stunden für das Kapital gearbeitet.

Das ist des Pudels Kern.

(Eigenzitat Ende)

An dieser Stelle verfällt der Vulgärmarxist in ehrfürchtiges Schweigen: ungerecht! Unangemessene Ehrfurcht verhindert Fortdenken des Mechanismus. Holen wir es nach.

Betrachten wir die Aussage: „Zwei Arbeitsstunden für sich selbst, sechs Arbeitsstunden für das Kapital“. Die Kehrseite: „Dreimal mehr Waren produziert als nötig“.

Diese „dreimal mehr Waren als nötig“ müssen an den Mann gebracht werden. Über kurz oder lang rechnet es sich für das Kapital, dass auch die Arbeiterklasse an Wohlstand gewinnt – gemessen an der vorigen Agrargesellschaft. Und tatsächlich wächst das Realeinkommen der Arbeiterklasse im 19. Jahrhundert an. Siehe Tabelle und Grafik bei bpb.

Der Vulgärmarxist begründet das Einkommenswachstum allein auf Initiative der Arbeiterbewegung, und tatsächlich gingen exekutive Impulse von ihr aus; jedoch erwies sich die Ein­kom­mens­ent­wick­lung als gut für den Markt. Dominiert hat der reale Erfolg.

Nicht vergessen: ob der einzelne Kapitalist es verstanden hat oder nicht ist Wumpe. Nicht er herrscht über sein Kapital, sondern dieses über ihn. Im Marktgeschehen gilt Darwinʼs law. Sowohl im „kleinen“ Konkurrenzkampf als auch in den „großen“ Na­tio­nal­wirt­schaf­ten.

Sind wir damit durch? Ist der Kapitalismus rehabilitiert? Weder noch. Die Reihe wird fortgesetzt. Ich trink jetzt mein Gu­te­nacht­bier­chen aus und geh zu Bett. Morgen ist auch noch ein Tag.


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(Ursprung – Freitag, den 23. August 2019, 23:51 Uhr)

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