Eine Milliarde Meisterwerke

Das neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert ist die Ära der Technik und der Wissenschaften. Das Handwerk wurde und wird verdrängt von der Industrie, und der Prozess ist noch nicht beendet (mit der Prostitution als einziger Ausnahme). Die Fotografie usurpierte im letzten Jahrhundert die naturalistische Malerei. Die Meisterwerke der Bildenden Künste sind seit dem letzten Jahrhundert mechanisch nicht mehr so haltbar wie z. B. die der Renaissance – und wozu auch, die beliebige Reproduzierbarkeit macht Ästhetik billig. Wenn's kaputtgeht, blutet wohl das Herz, aber nicht das Portemonnaie.

Schönheit allenthalben

Reproduktion: Der röhrende Hirsch überm Wohnzimmersofa, die Mona Lisa auf der Postkarte, der Stacheldraht in der Acrylglasklobrille! Der Kulturbeitrag des Plastikspritzgusses und der Druckerei ist unter anderem dies: sie vereinbart die Hochleistungen abendländischen Kulturschaffens mit der nützlichen Haushaltsware. Offset- und Siebdruck sind das Werkzeug der sinnlichen Revolution, quasi deren Gabelstapler.

Feuerzeug mit Mädel Als mir neulich Sonntag eine Mehlschwalbe aufs letzte Streichholz schiss, erwarb ich an unserer Tankstelle am Ortsausgang ein frisches Feuerzeug. Die Auswahl war überwältigend. Da gabs durchsichtige mit kleinen Würfelchen freischwimmend im Flüssiggas. Einige hatten Sturmqualität. Wieder andere klappten appetitlich auf und zu. Mir ging das Herz über. Ich wählte eins für 2 Mark 20.

Die hübsche junge Dame da

auf dem Feuerzeug. Wo mochte sie her sein? Ich würde es nie erfahren. Wo mochte das Foto aufgenommen sein? In der Karibik, in den Alpen, vor der Tapete? Das Mädchen: Was erwartete es wohl von seinem jungen Leben? Studium, Doktorat, einen Lehrstuhl für Versicherungsmathematik? Glückliche Mutter von vier wohlgeratenen Kindern? Abgeordnete im Kreistag? Ich konnte nur vermuten. Sah Sie für das Foto auch nur einen Pfennig? Ich denke: eher nein.

(Kommentarfunktion aus.)

(Ursprung – 26.05.2008)

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